Trostlosigkeit hat einen Namen: São Vicente / Kapverden

Als ich das Motto der Blogparade auf Christians Blog „Worldonabudget“ las, dachte ich zunächst: „Schade, da kann ich gar nix beisteuern“. Denn es geht um „Reise-Entpfehlungen“ – also um Orte, die man anderen nicht unbedingt ans Herz legen möchte, um Orte, die man mit dem Vorsatz „Einmal und nie wieder“ verlässt und quasi „drei Kreuze“ macht, endlich abreisen zu können.

Nun gibt es eine ganze Reihe an Ländern, die ich allein aus ethischen Gründen weder selbst bereise noch als Reiseländer bewerbe – aber die möchte ich mal außen vorlassen, obwohl ich einst in Marokko oder den Arabischen Emiraten durchaus konkrete Erlebnisse und Beobachtungen gemacht habe, die sich für eine nachhaltige „Entpfehlung“ eignen. Aber darauf bin ich ja in meiner Artikel-Trilogie bereits ausführlich eingegangen.

Doch plötzlich ist mir wieder dieser eine Ort eingefallen, den ich schon fast vergessen – oder verdrängt? – hatte. Der Ort, über den ich wahrscheinlich nie geschrieben hätte, gäbe es nicht diese Entpfehlungs-Blogparade: Die kapverdische Insel São Vicente.

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Während meiner Weltreise auf der MS Astor hat es mich für einen Tag hierher verschlagen. Ein Tag, der ausreichte, die Insel als echte „Entpfehlung“ zu qualifizieren. Schon im Hafen der Stadt Mindelo, in der rund 80% der Inselbewohner leben, offenbart sich das, was ich als den Charakter der Insel bezeichnen möchte: Trostlosigkeit. Resignation. Depression.

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Verrostete Kähne, wohin das Auge blickt, die Atmosphäre ist beherrscht von einer Schwere, die fast physisch spürbar ist. Ich erinnere mich noch gut an die unerklärliche Traurigkeit, die mich befiel sobald ich den Boden betrat.

Gemeinsam mit meiner Crew-Kollegin Gitti versuche ich zunächst, in dem Städtchen Mindelo etwas Schönes zu finden – etwas, das mein Herz so erfreut, dass die Melancholie vergeht. Vergebens. Ja, es gibt ein paar bunte Häuser, die auf den ersten Blick ganz hübsch aussehen, aber auch hier liegt über allem ein unsichtbarer Schleier aus Schwermut. Die Straßen sind weitgehend menschenleer. Fast kommt es mir so vor, als wir seien in einer Geisterstadt gelandet.

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Also trommeln wir ein paar weitere Crew-Mitglieder zusammen und mieten einen Kleinbus samt Fahrer für eine Tour über die Insel. Es wird nicht besser: Die Landschaft ist schroff, karg und öde. Selbst der Tafelberg Monte Verde – mit 750 Metern der höchste Berg São Vicentes – ist alles andere als „grün“, sondern vielmehr steinig und trocken.

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Vielleicht ist es am Meer schöner? Unser Fahrer bringt uns über Baio do Norte nach Baia das Gatas im Nordosten der Insel. In Baio do Norte liegen bunte Fischerboote im ockerfarbenen, schmutzigen Sand.

In Baia des Gatas hält ein Wall aus Steinen die heftigen Brecher des Atlantiks in Schach und formt eine seichte Lagune, in der wir unbeschwert schwimmen und planschen können. Ich bin fast geneigt, die Szenerie als „schön“ zu bezeichnen – wäre nicht auch hier diese alles umfassende Tristesse die vorherrschende Emotion.

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Auf dem Rückweg zum Hafen beschließt unser Fahrer spontan, noch einen Abstecher in ein „Dorf“ zu machen. Ich weiß nicht, warum er es uns unbedingt zeigen wollte. Auch habe ich mir den Namen nicht gemerkt, mir aber jedes Detail dieses traurigen Ortes eingeprägt, der nichts anderes war als eine Ansammlung von Beton- und Stein-Ruinen, zwischen denen verweifelte Menschen und ein paar Tier umher irrten.

Ich habe einiges an Armut gesehen auf meinen unzähligen Reisen – aber selten so viel verstörendene Lebensfeindlichkeit wie hier.

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Niemand von uns spricht ein Wort. Schweigend hofft jeder von uns, endlich bald wieder an Bord der MS Astor gehen zu dürfen und diesen sorgenvollen Ort zu verlassen. Das war übrigens 2004. Lange her und jetzt, da in in der Erinnerung krame, und immer noch so lebendig.

Dieses Jahr – im November – werde ich wieder für ein paar Stunden auf der Insel sein, während meiner Atlantik-Überquerung mit Mein Schiff 5.

Offen gestanden bin ich mir noch nicht sicher, ob ich noch einmal einen Abstecher wagen werde oder mir stattdessen lieber einen entspannten SPA-Tag an Bord des Schiffes gönnen werde. Auf jeden Fall werde ich berichten…

Falls Du auch schon einmal auf São Vicente warst und eine ähnliche oder völlig andere Erfahrung gemacht hast, freue ich mich sehr auf Deinen Kommentar.

Fotos: (c) Ines Laufer, Henning Leweke / Flickr (2)

 

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11 Kommentare

  • Hallo Ines,
    oh je… da wäre ich sicher auch nicht froh geworden. Da kannst du ja froh sein, dass es nur ein Tag war. Aber schön ist es natürlich trotzdem nicht, an so einem Ort festzusitzen und das Elend mit anzusehen…
    Viele Grüße, Imke

    • Dankeschön, liebe Imke, dass Du das „Leid“ nachvollziehen kannst. Es ist ja grade das Schöne an einer Kreuzfahrt, dass man immer nur ein oder zwei Tage an einem Ort verbringt – und auf diese Weise einen bleibenden Eindruck gewinnt, ob sich der Ort für „mehr“ lohnt oder nicht. 🙂

    • Dankeschön Claudia 🙂 Also,ich denke landschaftlich wird sich nicht viel verändert haben. An der allgemeinen Stimmmung? Mal sehen – bin jedenfalls gespannt, wenn ich im November wieder da sein werde.

  • Wir waren vor 6 Jahren auf Sal / Kapverden (Riu-Hotel). Das Hotel ist wunderbar angelegt, der Tourist hat sehr viel Platz, der Strand ist endlos, soweit das Auge reicht: weißer Sand, endlos! Sonne!
    Aber wenn man die gepflegte Anlage verlässt, holt einen die Wirklichkeit ein: Armut, SChmutz, und ja, ich würde es auch so sagen: Trostlosigkeit. Es gibt keine wirklichen Aussichtspunkte, die man sehen muss. Eine Wasserverfärbung in einer Grotte wurde als Sehenswürdigkeit angepriesen. Wir haben kleine Dörfer besucht. Teils malerisch; aber auch da nur Trostlosigkeit.
    WEr nur am Strand liegen und die Sonne genießen will, kann dort Urlaub machen. Wer aber seinen Urlaub mit Kultur und Begegnung mit Menschen verbringen möchte, wird es auf den Kap Verden schwer haben. Aber andererseits ist viel investiert worden und „muss“ sich bezahlt machen. Ich hoffe, dass nicht nur die großen Hotelketten den Rahm abschöpfen sondern dass auch die einheimische Bevölkerung etwas vom Tourismus hat. Wir empfanden die Kap Verden wie die Kanaren vor ca. 50 Jahren.

    • Dankeschön für Dein offenes und ausführliches Feedback, liebe Josefine! Auf Sal war ich zwar noch nicht, weiß aber, dass die Strände dort traumhaft sein sollen. Habe ich auch auf Bildern gesehen. Ich glaube, da kann man es gut aushalten bei einem reinen Strand-Urlaub. Aber auf Sao Vicente fehlt eben sogar das, was den Eindruck der „Trostlosigkeit“ noch verstärkte.

  • Hallo Ines,

    vielen Dank für die Teilnahme an unserer Blogparade. Das hört sich in der Tat ziemlich trostlos an und die Bilder verbreiten auch keine Heiterkeit. Kapverden war sogar für letztes Frühjahr bei uns in der näheren Auswahl, aber da können wir ja froh sein, dass wir uns letztlich für Andalusien entschieden haben.

    Viel Spaß bei deinem Spa-Tag im November und liebe Grüße aus Guatemala
    Chris

    • Hallo Chris – habe gerne mitgemacht bei Eurer Blogparade. Ich glaube, Andalusien war eine gute Wahl! War auch schon dort und fand es traumhaft – auch wenn der Levante ganz schön heftig um die Ohren gepfiffen hat. Liebe Grüße nach Guatemala 🙂

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