An Bord der AIDA Perla durch die Coronawelle…

Als ich im Dezember 2019 in La Romana / Dom. Republik für meine zweite Wintersaison auf die AIDA Perla aufsteige, ahne ich noch nicht, dass dieser Vertrag anders enden wird als geplant. Weil ein Virus die Welt in einen globalen LockDown zwingt, weil Häfen und Flughäfen schließen und sämtliche Kreuzfahrtflotten stillgelegt werden.

Wie gesagt, noch ahne ich davon nichts, sondern genieße eine traumhafte Zeit in der Karibik. Es fühlt sich an wie „heimkommen“, denn schon im letzten Jahr habe ich die 11 Inseln der Winterroute – Barbados, St. Vinent, Dominica, St. Lucia, Guadeloupe, Antigua, Aruba, Bonaire, Curacao, Grenada und die Dom.Rep. – kennen und lieben gelernt.

Als Ende Januar die ersten Corona-Infektionen in Deutschland bekannt werden, scheint das Problem noch weit weg zu sein, aber spätestens Mitte Februar ist mir klar, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Auswirkungen der Pandemie mit voller Wucht auch die Karibik erreichen werden. Im März ist es soweit: Der Tourismus kollabiert, immer mehr Flughäfen und Häfen schließen. Am 12. März nimmt die AIDA Perla zum vorerst letzten Mal Gäste auf.  In Barbados, das unsere Rettungsinsel sein wird. Am 17. März habe ich noch einmal die Möglichkeit, einen entspannten Vormittag an einem meiner Lieblingsstrände in Barbados – Batts Rock Beach – zu verbringen und genieße jede Minute.

Am gleichen Tag wird auf der Insel der erste Corona-Fall bekannt. Einen Tag später gehen die letzten Gäste von Bord und fliegen zurück nach Deutschland. Gerade noch geschafft, bevor auch die Flugzeuge am Boden bleiben, aber es ist für mich der traurigste Moment. Längst musste AIDA alle Kreuzfahrten für die nächsten Wochen bzw. Monate absagen.                              Gemeinsam mit rund 800 Kolleginnen und Kollegen bleibe ich an Bord und werde erst zwei Monate später – am 15. Mai – in Hamburg wieder festen Boden betreten.

Was AIDA als Unternehmen in dieser schwierigen Zeit geleistet hat – insbesondere auch für die Crew – verdient meine größte Wertschätzung und ein riesiges DANKESCHÖN!

So blicke ich zurück auf zwei unvergessliche Monate auf der wunderschönen „300-MeterYacht“, wie ich die Perla gerne liebevoll nenne und hätte mir kein besseres Quarantäne-Quartier wünschen können. Anderthalb Monate lang liegen wir auf Reede vor Barbados, zusammen mit unserer AIDA-Schwester Luna und zahlreichen anderen Kreuzfahrtschiffen, die ebenso wie wir ohne Gäste die Epidemie überstehen wollen. Ab und zu legen wir im Hafen an, um Treibstoff oder Proviant aufzunehmen.

Ebenso wie an Land lautet auch an Bord das Motto „SocialDistance“: Wir halten mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander, sowohl während der Arbeit als auch in der Freizeit. Um eine eventuelle Erkrankung schnell zu erkennen, wird täglich die Temperatur aller Crewmitglieder gemessen. Wir haben großes Glück, denn der Gesundheitszustand der Crew ist top – zu keinem Zeitpunkt gibt es einen Verdachts- oder bestätigten Corona-Fall an Bord der Perla oder eines anderen AIDA-Schiffes.

Gleich zu Beginn der Soft-Quarantäne dürfen wir alle in Gästekabinen umziehen – auch um im Fall einer möglichen Infektion sofort isoliert zu sein. Mein neues Zuhause wird die Kabine 10163 auf Deck 10, eine Komfort-Verandakabine mit extra viel Platz: So schön und so gemütlich 🙂

Die schönste Bar des Schiffes, die Lanai-Bar am Heck auf Deck 7 mit einem großzügigen Außenbereich und herrlichem Panoramablick aufs Meer, wird unsere neue CrewBar.

Von 09:00 Uhr morgens bis Mitternacht ist das nun der perfekte Lieblingsort, um Kollegen auf einen Kaffee oder ein kühles Getränk zu treffen, sich auszutauschen, die karibischen Sonnenstrahlen oder die laue Abendbrise zu genießen und den Blick über die Wellen schweifen zu lassen.

Die schönsten Momente erlebe ich hier jedoch als „DJ Nighty“ (weil ich als Night Auditor arbeite), wenn ich für die Kolleginnen und Kollegen zum Sonnenuntergang meine Lieblingsmusik – Deephouse und DeepChillOut – auflegen darf, yeah!

Nachdem die letzten Gäste von Bord gegangen sind und für uns eine unbestimmte Zeit der Ungewissheit aber auch der Hoffnung beginnt, wird ein Song zu unserer Motivationshymne, die wir jeden Tag hören, wenn uns der beste Kapitän aller Zeiten – Boris Becker (ja, er heißt wirklich so) – auf den Stand der Dinge gebracht hat bezgl. Corona-Pandemie und wichtige Neuigkeiten für AIDA, das Schiff und die Crew: The Show must go on von Queen.

Nie hätte ich gedacht, dieser Song würde mich einmal zu Tränen rühren – doch er tut es, wenn die „empty Spaces“ besungen werden und ich nach meiner Nachtschicht über das Schiff laufe und mir statt quirligen Passagierlebens lediglich gefühlte Leere begegnet.

Dabei ist die Leere tatsächlich nur punktuell spürbar, denn überall wird gewerkelt, geputzt und verschönert: Die Balkone bekommen einen neuen Anstrich, Kabinen und Außenbereiche werden kleineren Renovierungsarbeiten und einer Tiefenreinigung unterzogen, kurz:

Die Perla wird auf Hochglanz gebracht, damit sie richtig strahlt, wenn es – hoffentlich bald wieder – heißt: Willkommen an Bord, liebe Gäste!

 Am 24. April heißt es dann „Leinen los, Good-Bye, Barbados“ – und eine beispiellose Crew-Rückholaktion beginnt, an deren Ende die Perla insgesamt 2.200 Crewmitglieder sicher und gesund nach Hamburg bringen wird, denn hier steht die Chance auf einen baldigen Rückflug in die Heimat einfach besser.

Schon am Vorabend sind rund 400 Kolleginnen und Kollegen von der Luna – die zunächst in Barbados bleiben wird – an Bord gekommen, in 10 Tagen werden weitere 1.000 dazukommen, die wir auf den kanarischen Inseln Teneriffa und Gran Canaria von der Nova, der Mira und Stella einsammeln werden.

Die Atlantik-Überfahrt könnte traumhafter kaum sein, denn der Ozean zeigt sich von seiner friedlichsten Seite und trägt uns sicher über sein spiegelglattes Tiefblau. Die Sonne scheint dazu vom wolkenlosen Himmel und wärmt die Meeresluft auf 25 Grad. 

Das Highlight der Überfahrt ist aber das Planschvergnügen im Pool, der in dieser Zeit gefüllt ist und – natürlich unter Einhaltung der Abstandsregeln und Limitierung der Personenzahl – für ein klein wenig Urlaubsfeeling sorgt. Morgens nach der Nachtschicht bin ich die Einzige hier und habe den Pool ganz für mich allein. Herrlich 🙂

Was mich rückblickend am meisten berührt, ist der unglaubliche Zusammenhalt der Crew, das warmherzige Miteinander, die gegenseitige Unterstützung und der Halt in dieser schwierigen Zeit: Während wir stets räumlichen Abstand halten, so wachsen wir im Herzen umso mehr zusammen – als Crew, Kollegen und als Team. Eine Erfahrung von unschätzbarem Wert.

Zu jeder Zeit fühle ich mich top-informiert, sicher, voller Vertrauen, bestens versorgt und erfüllt von Dankbarkeit für jeden Tag, den ich an Bord sein darf.

So wird mein Herz richtig schwer, als die Perla am Abend des 14. Mai in die Elbmündung einfährt und am 15. Mai morgens Hamburg erreicht. Denn jetzt heißt es Abschied nehmen von meinem liebgewonnenen, schwimmenden Zuhause und von den wunderbaren Menschen, mit denen ich im wahrsten Sinne des Wortes „in einem Boot gesessen“ und so den größten Teil der Coronaepidemie überstanden habe.

Und mein Herz ist immer noch schwer – denn es ist ein Abschied auf unbestimmte Zeit, weil noch nicht absehbar ist, wann es mit den Kreuzfahrten weitergeht. Umso mehr drücke ich AIDA die Daumen, diese schwere Krise gut zu überstehen und bald wieder auf den Weltmeeren unterwegs zu sein.

Ich kann es jedenfalls kaum erwarten, wieder als Nighty an Bord zu gehen und einmal mehr zu wissen: „Es gibt keinen Ort der Welt, an dem ich lieber wäre – denn ich bin angekommen…“

Wie das Crew-Leben an Bord der Perla während der Coronaquarantäne aussah, zeigt hier unser Kapitän Boris Becker:

 

Fotos: (c) Boris Fatah (1), Ines Laufer

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1 Comment

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  1. says: Marion

    Danke für den Einblick hinter die Kulissen. Das war bestimmt eine harte Zeit, vor allem die Ungewissheit, wie es weiter geht. Aber schön zu lesen, dass ein großer Zusammenhalt da war und sich alle gegenseitig unterstützt haben.